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Fünf von fünftausend

Sozialforum in Erfurt - Was Menschen zusammenbringt

Ein Motto, etliche Organisatoren und über zweihundert Veranstalter. Unter dem Leitbild "Eine andere Welt ist möglich" nehmen Gewerkschaften, Stiftungen und kirchliche Gruppen ebenso am Sozialforum in Erfurt teil wie das Netzwerk der Globalisierungsgegner attac. Das Treffen versteht sich als Plattform für Diskussionen über Politik-Alternativen. Mehrere hundert meist globalisierungskritische Gruppen, Vereine und Verbände stellen ihre Themen an Infoständen, in Workshops und Seminaren vor. Schwerpunkte sind Fragen der Globalisierung, der Arbeitswelt und der Menschenrechte. Die Organisatoren erwarten bis zu 5000 Teilnehmer. Fünf stellen sich hier vor.

Anja HEINTZE, 25 Jahre, Dolmetscherin, kommt aus Leipzig: Zumindest das Hotel wird bezahlt. Für ihre Arbeit nimmt sie kein Geld. Anja Heintze ist eine von insgesamt fünf Dolmetscherinnen, die an diesem Wochenende in Erfurt dafür sorgen, dass unter den erwarteten 5000 Besuchern keine babylonische Sprachverwirrung ausbricht. Bei den Konferenzen, Seminaren oder Workshops sitzt Anja Heintze in einer Kabine und übersetzt simultan, was an den Mikrofonen gerade gesittet geredet oder heftig gestritten wird. Die 25-Jährige ist in Weimar aufgewachsen und hat sich an der Universität Leipzig zur Diplom-Dolmetscherin ausbilden lassen. Während der vier Tage in Erfurt übersetzt sie Deutsches ins Englische, Spanische und Portugiesische und umgekehrt. Normalerweise würde sie dafür eigentlich zwischen 500 und 700 Euro Tageshonorar bekommen. Stattdessen sammelt sie Routine. Das Sozialforum ist ideal für mich, um weiter Konferenzerfahrungen zu bekommen, sagt Anja Heintze, die ihr Studium gerade beendet hat. In vielen Situationen muss man einfach improvisieren. Außerdem werden Themen, wie die hier in Erfurt, auf Konferenzen immer wichtiger. Ihre Agentur hat sie deshalb hierher vermittelt, so wie schon im vergangenen Jahr zum Europäischen Sozialforum nach London. Das Forum findet sie interessant. Als Dolmetscher müsse man aber vor allem eines bleiben: neutral.

Simon TEUNE, 28 Jahre, Soziologe, lebt in Berlin: Er verteilt Fragebögen, führt Interviews, beobachtet, macht sich Notizen und wird am Sonntag mit einer randvollen Kiste an Material und einem Laptop voller Daten wieder nach Berlin zurück fahren. Simon Teune ist in Erfurt, weil die Globalisierungsgegner hier sind. Die sind für ihn deshalb interessant, weil er sich als Mitarbeiter am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung mit attac und Co. beschäftigt. Das Projekt der Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und Politische Mobilisierung in Europa will zum Beispiel herausfinden, ob die Gesellschaft durch solche Bewegungen wirklich demokratischer wird. Das Projekt läuft unter anderem auch in der Schweiz, in Frankreich, Italien Spanien und Großbritannien. Der gebürtige Westfale ist mit einigen Kollegen hier, um zu erfahren, wer die Teilnehmer sind, woher sie kommen, welche Themen sie interessieren.

Inge HOLZINGER, 72 Jahre, Rentnerin, reiste aus Duisburg an: Die lange Zugfahrt hat sie gemacht, weil sie erleben will, wie etwas entsteht. Weil sie sehen will, wie Menschen zusammen daran arbeiten, dass es aufwärts geht. Weil sie merken möchte, dass sich etwas ändert. Weil sie eine Aufbruchstimmung fühlen will. Bei so einem Sozialforum, wie in Erfurt, sagt sie, zeigt sich, wie viel Wissen und Energie in der Bevölkerung in Deutschland steckt. Das müssten die Politiker nur endlich einmal erkennen und nutzen. Schließt man die Augen, während Inge Holzinger so redet und hört nur, was sie sagt, dann hat man den Eindruck, man stünde vor einer euphorischen 22-Jährigen. Tatsächlich ist sie Rentnerin. Langeweile kommt bei der Duisburgerin nicht auf. Sie ist Mitglied im Friedensforum, im Bündnis gegen Sozialkahlschlag und in der Gewerkschaft, seit 40 Jahren. Sie ist froh, dass so ein Sozialforum endlich in Deutschland stattfindet und interessiert sich für alles, was mit Sozialabbau zu tun hat. Außerdem will sie zu Seminaren gehen, in denen es um Friedenspolitik und Rüstungsabbau geht. Bis Sonntag wird sie eine Veranstaltung nach der anderen besuchen, fragen, zuhören, diskutieren und sich streiten - auf der Suche nach einem Gefühl.

Petre DAMO, 41 Jahre, Englisch-Lehrer aus Aiud in Rumänien: Der Weg war ziemlich weit. Trotzdem ist das für ihn hier alles nicht ganz fremd. Petre Damo ist der Koordinator des Sozialforums in Rumänien. Er kommt aus Aiud, einer 30000-Einwohner-Stadt, und arbeitet dort als Lehrer und freier Journalist. Eine deutsche Gewerkschaft hat ihn nach Erfurt eingeladen, die Anreise bezahlt und die Unterkunft. Der 41-Jährige findet es längst überfällig, dass ein solches Forum hier stattfindet. Deutschland sei schon durch seine geografische Lage der ideale Ort, um die soziale Bewegungen in Osteuropa mit einzubinden. Der Lehrer hat Teilnehmer aus Russland, der Ukraine oder Ungarn getroffen, die das genauso sehen. Deutschland sei nach der Erweiterung Europas nach Osten hin noch wichtiger geworden, weil es jetzt in der Mitte Europas liegt. Dieser Funktion müsse es jetzt auch gerecht werden, findet er.

Uli BARTH, 51 Jahre, lebt in einer Kommune in Kaufungen und regelt deren Verwaltung: Wer Uli Barth fragt, was er beruflich mache, bekommt zunächst ein Lächeln. Wenn man ihn fragt, was das heißen soll, atmet er hörbar durch die Nase aus und sagt, dass er dazu etwas weiter ausholen müsste. Denn der 51-Jährige lebt in Kaufungen bei Kassel auf einem einstigen Bauernhof. Vor 18 Jahren hat er dort zusammen mit anderen eine Art Kommune gegründet. Zurzeit leben hier 58 Erwachsene und 19 Kinder. Und Uli Barth ist sowas wie der Manager. Er kümmert sich um die Verwaltung, macht, tut und organisiert. Er engagiert sich unter anderem bei den Globalisierungsgegnern von attac. Unter den knapp 240 Veranstaltungen in Erfurt interessieren ihn vor allem die, die sich mit Kapitalismuskritik beschäftigen. Er erhofft sich Impulse für die soziale Bewegung in Deutschland. Nach Erfurt ist der Vater von zwei Kindern nicht allein gefahren. Einige aus der Kommune sind mit dabei.

 

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