Aktuell
Die gleichen Ziele
Auf dem Sozialforum in Erfurt treffen Menschen zusammen, die sehr verschieden sind. Das Motto des ersten Sozialforums in Deutschland, das noch bis Sonntag in Erfurt stattfindet, heißt Für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Natur. Wie viele und welch unterschiedliche Gruppen sich
dazu treffen, ist erstaunlich.
(von Florian GATHMANN aus ERFURT, Thüringer Allgemeine)
Es riecht sehr gut im Offenen Raum, das ist der erste Eindruck. Weil rechts neben der ersten Treppenstufe ein großer Topf steht, aus dem es dampft, Kartoffelsuppe. Einige Stufen später kommt ein Mädchen mit langen blonden Haaren die Treppe herabgerannt. Wir machen einen Akrobatik-Workshop im zweiten Stock, ruft sie, in den Händen eine Holzstange. Im Gang lümmeln sich junge Menschen auf knautschigen Sofas, hinter mancher Tür sieht man Isomatten und Schlafsäcke. Noch bis morgen, wenn das Sozialforum in Erfurt endet, ist das der Offene Raum. Wo während der Schulzeit gelernt und gelehrt wird, hier im Erfurter Ratsgymnasium, sind für wenige Tage Hierarchien und Strukturen vergessen. So wünschen es sich jedenfalls die Initiatoren dies Projekts. Liebe Beamte im Dienst, bitte vor Betreten anmelden, dann eine Handynummer, dieses Schild hängt vor dem Hof-Tor. Ein paar Straßen entfernt sieht das Sozialforum weniger wild aus. Da sitzt eine Gruppe von nicht mehr ganz so jungen Menschen um den Tisch und spricht sehr gesetzt und ernsthaft über Kriege und die Rolle der Medien. Über ihnen prangt ein hellgrün gestrichener Balken mit dem aufgemalten Paulus-Psalm: Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach Deinen Worten. Man diskutiert in der Evangelischen Stadtmission.
Das ist es eben, was so ein Sozialforum ausmacht. Auf dem Domplatz sitzt Frank Spieth an einem Biertisch in dem großen Veranstaltungszelt, auf der Bühne wird gerade aus verschiedenen Perspektiven erläutert, warum die EU-Verfassung ganz zu Recht am Boden liegt. Wir bieten kritischen Menschen und Gruppen die Möglichkeit, sich darzustellen, sagt der Thüringer DGB-Chef, ohne den dieses Sozialforum wohl an einem anderen Ort stattgefunden hätte. Er ist auch ein bisschen stolz. Knapp 2000 Menschen sind es, die sich bis gestern offiziell angemeldet haben, auf 5000 Teilnehmer wollen die Veranstalter bis morgen kommen. Gut gefüllt ist im Laufe des Tages bereits das zweite Zelt auf dem Domplatz. Da ist ein Stand für die israelische-palästinensische Freundschaft neben einem aufgebaut, der viel Rot zeigt. Schröder muss weg, heißt es auf einem Plakat der Gruppe Linksruck. Einige Meter weiter hängen T-Shirts mit dem Konterfei von Che Guevara, Umweltaktivisten präsentieren sich hier genauso wie christliche Initiativen. Auch der alteingesessene Sozialverband VDK. Irgendwoher erklingen Sitar-Töne. Ein Kulturschock? Keinesfalls, sagt Martina Hecktor, die VDK-Kreisgeschäftsführerin. Wir haben alle die gleichen Ziele, nämlich eine gerechtere Gesellschaft.
Mitunter wird dafür hart gestritten. Am Morgen beispielsweise, bei einem Workshop zum Thema Hartz IV im Heinrich-Mann-Gymnasium. Vertreter aller Parteien wurden eingeladen, vertreten sind aber nur PDS und SPD. Carsten Schneider, sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter aus Erfurt, ist hier nicht zu beneiden. Das war schon eine ziemlich harte Veranstaltung, sagt er später. Aber, das zu betonen ist ihm wichtig, es sei trotzdem sachlich diskutiert worden. Die Stimmung auf dem Sozialforum, hört man, ist gut. Nur auf dem Anger bleibt gestern ein wenig Trostlosigkeit nicht verborgen. Ein Betrunkener tanzt - hin und her zuckend - vor der großen Bühne, Niesel und Regen trotzend. Die meisten Passanten huschen auch an den Informationsbuden vorüber. Heute soll es weniger regnen.
« zurück zur Übersicht