zur Startseite
 


Medienpartnerschaft mit:


Aktuell

Bunte Federn

Die Welt ist in diesen vier Tagen nicht wirklich besser geworden. Doch der Wunsch nach gesellschaftlichen Alternativen wurde auf dem ersten Sozialforum in Deutschland, das seit Donnerstag in Erfurt stattfand, vielfach artikuliert.

(von Michael WASNER und Florian GATHMANN aus ERFURT, Thüringer Allgemeine)

Am Ende zeigt das Sozialforum noch einmal Farbe, wie ein bunter Hahn. Was für Federn: Eine ältere Dame tritt als erste ans Mikrofon, zur Diskussion um eine Abschlusserklärung. Sie erbringt auf Russisch solidarische Grüße aus Moskau, mit Rotfront schließt sie ihre Rede. Ihr folgt ein schüchterner Jüngling aus Berlin mit Pferdeschwanz, der stolz davon berichtet, wie er und seine Freunde kürzlich die Gelöbnisveranstaltung der Bundeswehr störten. Am Ende mussten die Soldaten im Regen stehen. Dann kommt Ali von der anatolischen Union, er möchte auf Probleme des neuen Einwanderergesetzes hinweisen. Es ist schon ziemlich heiß in dem großen Zelt, die Mittagssonne knallt auf den Domplatz, aber alle dürfen reden und alle werden geduldig angehört. Auch der Mann aus Hamburg von der Obdachloseninitiative, der sich für das nächste Sozialforum mehr Diskussionen um das Thema Wohnungslosigkeit wünscht. Die vorbereitete Erklärung, sie wird noch ein bisschen verändert, die meisten zwischen den Bierbänken und -tischen wirken sehr zufrieden. Sogar Vera Morgenstern, für Verdi Mitorganisatorin des Forums. Es gehe um die große Schnittmenge, sagt sie. Deshalb könne ihre Gewerkschaft beispielsweise das klare Nein zur EU-Verfassung tolerieren, das da eben beschlossen wurde. Die Gewerkschaften: Richtige Konflikte hat es in den vier Erfurter Tagen kaum gegeben, trotz aller Vielfalt, gerade bei sozialen Themen einigt man sich zumeist. Doch zu erleben ist, dass die Gewerkschaften - als traditionelle politische Akteure - in dieser neuen sozialen Bewegung schon ihre Probleme haben.

Beispielsweise, als Verdi-Chef Frank Bsirske am Samstag auf dem Podium sitzt. Er hat doch nur gelabert, sagt eine Studentin mit Wollmütze. Jürgen Grottian, Politik-Professor und Initiator des Berliner Sozialforums, greift Bsirske ebenfalls hart an: Kein Wort höre ich zu eurem Schlingerkurs. Heftiger Beifall. Auf der letzten Konferenz gerät Grottian mit Horst Schmitthenner vom Bundesvorstand der IG Metall aneinander. Der PolitikProfessor und andere sind für eine zentrale Kundgebung vor der Bundestagswahl, Schmitthenner will diese abwarten. Worum es geht? Soziale Wut gegen politische Strategie. Oder - was nützt wie dem linken Bündnis.

Parteipolitisch will das Forum nicht sein, das Bemühen ist erkennbar. Aber die Sympathie für das Linksbündnis auch. Simon Teune, Forscher aus Berlin, hat für sein wissenschaftliches Projekt 600 Fragebogen verteilt, die Neuwahlen sind ein Thema. Ergebnis: 90 Prozent der hier Befragten würden für Gysi & Lafontaine stimmen. Ich denke, wir haben es geschafft, nach unseren Grundsätzen kaum Parteipolitik zuzu- lassen, sagt Mitorganisator Hugo Braun.

Das Sozialforum geht in diesen Minuten auseinander - die einen mit Wolldecke und Rucksack, die anderen mit Rollkoffern. Und sonst? Man sei sehr zufrieden, erklärt Braun, auch mit der Teilnehmerzahl, 4000 sollen es gewesen sein. Ziemlich erschöpft sehen die Erfurter Helfer in ihren orangenen T-Shirts aus. Das Sozialforum wandert weiter - 2007 an einen noch unbekannten Ort.

 

« zurück zur Übersicht