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Was hat das erste Sozialforum in Deutschland gebracht?

von Ursula Schumm-Garling (Email: schummgarling@web.de)

Das erste Sozialforum in Deutschland, das vom 21.bis 24. Juli in Erfurt stattfand, war eine bisher einzigartige Veranstaltung. In der Nachfolge der Weltsozialforen in Porto Alegre, Mumbai, und der europäischen Sozialforen in Florenz, Paris und London  sollten auf regionaler Ebene Erfahrungen ausgetauscht und der verbreiteten Resignation gegenüber den bedrohlichen Entwicklungen der Globalisierung entgegengewirkt werden. Diese finden in mächtigen Institutionen wie der Weltbank, dem IWF, den G8 Gipfeln, der EU oder der Nato ihren Ausdruck. Die "real existierenden Menschen" wollen sich nicht einschüchtern lassen, sondern politisches Handeln in die eigenen Hände nehmen. Dieses Engagement ist eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme an dem Forum.
Nach der Charta von Porto Alegre  stellen die Sozialforen einen offenen Raum dar, der Möglichkeiten der Begegnung bietet um Nachdenken zu vertiefen, um demokratische Ideen zu debattieren, um Vorschläge zu formulieren und Erfahrungen frei auszutauschen und um zu wirksamen Aktionen aufzurufen (Artikel 1). Parteien sind nicht zugelassen.
Vertreten waren Gruppierungen der verschiedenen politischen oder religiösen Orientierung. Ausgeschlossen waren  antidemokratische Vereinigungen aller Couleur. Die Veranstalter begnügten sich im wesentlichen damit,
den organisatorischen Rahmen zur Verfügung zu stellen, für die Mühen wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern allen ehrenamtlich Tätigen viel Anerkennung zu Teil.
Das breite Spektrum wurde repräsentiert durch mehr als hundert Veranstalterlinnen und Veranstalter, darunter die Gewerkschaften ver.di, IG Metall, IG Bau sowie die GEW, aber auch attac, amnesty international und viele andere Gruppierungen, die noch nie zusammen aufgetreten sind, so beispielsweise die Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und  Sozialhilfeinitiativen, die Ausländerseelsorge der Evang. Kirche, der Frauenverband Courage, die Bundesbetroffeneninitiative wohnungsloser Menschen oder das Biologisch-Vegane Netzwerk. Die Themen der über 350 Veranstaltungen und der fünf Konferenzen repräsentierten die Vielfältigkeit im Einzelnen, sie waren aber alle bestrebt, nicht nur die herrschenden Verhältnisse zu kritisieren, sondern auch Alternativen für eine demokratische, soziale und gerechte Zukunft zu entwickeln.
Die thematischen Schwerpunkte des Sozialforums wurden in fünf  größeren Konferenzen erörtert. In der
Themenkonferenz "Menschenrechte und politische Teilhabe" wurde der wieder notwendige Kampf um die
Gleichheit aller Menschen auf die Tagesordnung gesetzt. Auf der Themenkonferenz "Anders besser leben" wurden  Fragen der bedürfnisorientierten und zugleich befriedigenden Lebensweise debattiert und auf die Fragen
des Geschlechterverhältnisses eingegangen. Der Zukunft Europas war das Thema der dritten Konferenz gewidmet: "EU: In welcher Verfassung sollte es sein?". Nach dem Nein zu der Verfassung in Frankreich und den Niederlanden gilt es zu diskutieren, wie ein friedliches, ökologisches, feministisches, soziales, gerechtes und
demokratisches Europa gestaltet werden kann. Auf der Themenkonferenz "Globalisierung und die Rolle Deutschlands in der Welt" wurde die Mobilisierung von unten gegen die mächtigen Institutionen der Weltwirtschaft erörtert. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die militärische Dimension  der neoliberalen Weltordnung eingegangen. Auf der fünften Themenkonferenz "Arbeitswelt und Menschenwürde" stand der Skandal der Arbeitslosigkeit und der Abbau des Sozialstaats im Mittelpunkt.
Wie ein roter Faden zog sich die Diskussion um Hartz IV durch viele Veranstaltungen. Die Rückkehr der sozialen Frage unter einer SPD geführten Regierung, in der die herrschende Klasse die soziale Frage als Populismus abtut, zeigte deutlich die "Neue Wut" der ausgegrenzten Teile der Bevölkerung.

Der Widerstand gegen eine weitere Militarisierung, die zukünftige Rolle der Bundeswehr sowie von Lösungen in den jetzigen Konfliktregionen dieser Welt wurden von verschiednen Gruppierungen der Friedensbewegung eingebracht, darunter dem Bundesausschuss Friedensratschlag, der Christlichen Friedenskonferenz in Deutschland, DFG-VK, pax christi, Ostermarsch Ruhr, IPPNW, Internationale Frauenliga
für Frieden und Freiheit, oder dem Kurdischen FrauenFriedensbüro. Wie sehr die Frage von Völkerrecht, der sozialen Frage und  den neoliberalen Entwicklungen kapitalistischer Gesellschaften mit der Militarisierung und Rüstungssausgaben verbunden sind wurde auf mehreren Veranstaltungen  behandelt.

Dieses Sozialforum bot erstmalig die Gelegenheit für die verschiedenen Initiativen und Organisationen
miteinander ins Gespräch zu kommen. Vor allem die  präsenten Vertreter und Vertreterinnen der Gewerkschaften und die Vertreter und Vertreterinnen  aus den verschiedenen sozialen Bewegungen  setzten sich lebhaft aber solidarisch auseinander. Sie waren sich der Verantwortung für eine gemeinsame Strategie in zukünftigen Konflikten bewusst. Gleich unter welcher Regierung, der so oft verheißene wirtschaftliche Aufschwung wird nicht kommen, dafür  werden aber demokratische  Rechte abgebaut,  Sozialleistungen gekürzt, oder Steuern für die Unternehmen und Wohlhabenden gesenkt, bzw. die Mehrwertsteuer erhöht , oder es werden sog. bürokratische Hemmnisse beseitigt, wobei es sich in der Mehrzahl um Bestimmungen zum Umweltschutz, zur gewerkschaftlichen Interessenvertretung um Gesetze gegen Diskriminierung oder um  ein
vernünftiges Bildungs- und Ausbildungswesen (Ausbildungsabgabe) handelt.
Gesellschaftliche Konflikte sind zum großen Teil schon längst nicht mehr durch Tarifpolitik oder auf
betrieblicher Ebene zu lösen. Die Gewerkschaften brauchen eine Verbreiterung in den gesellschaftlichen Raum.   Viele Vorstellungen, die in den sozialen Bewegungen formuliert werden, würden mehr Gewicht bekommen, wenn die Gewerkschaften  sie mittragen würden.

Der Erfolg des Sozialforums wurde in den bürgerlichen Medien an der Zahl der TeilnehmerInnen festgemacht. Diese entsprach ungefähr den Erwartungen der Organisatoren. Viel wichtiger scheint mir jedoch zu sein, dass es vielversprechende Ansätze für ein gemeinsames Handeln gibt. Ein Beispiel dafür ist die Erarbeitung eines gemeinsamen Schwerpunktes "sozialforum erfurt" von taz, Neues Deutschland und junge Welt, dadurch werden  die journalistischen Beobachter zu einem Teil der Bewegung.

Die Vielfalt und die Lebendigkeit, die auf diesem Forum herrschten, können dem sozialen Widerstand neue Impulse geben. In der Abschlusserklärung  werden die Perspektiven für die Zukunft formuliert:
In einer solidarischen Gesellschaft sollen Arbeit und Soziales neu gedacht werden, ohne Ausgrenzung und Massenarbeitslosigkeit.
Der "Krieg gegen den Terror" soll eingestellt werden, weil er nur zum Abbau demokratischer Rechte und zur Stigmatierung von Muslimen  und Musliminnen führt. Krisenprävention,  zivile Konfliktbearbeitung  und die
Stärkung des Internationalen Rechts sollen an dessen Stelle treten.
Eine ökologisch zukunftsfähige Politik und eine aktive Gleichstellungspolitik sollen eine demokratische Gesellschaft  konstituieren.
Das Sozialforum war der Beginn für Begegnungen, Diskussionen und Verabredungen. Es wird entscheidend darauf ankommen, eine tragfähige Basis zu finden, um eine andere Welt möglich zu machen. Viele gemeinsame Aktionen wurden für die nächsten Monate verabredet. Auf dem nächsten Sozialforum in zwei Jahren werden wir sehen, ob es gelungen ist, dem weiteren neoliberalen Umbau Widerstand entgegen zu setzten.

 

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