Aktuell
Presse, nachgeschaut
von Erhard Crome (Email: crome@rosalux.de)
"Kenn' Se Strohschneider? Nee? Ham' Se nischt versäumt, der schreibt,
wie er heißt." Als oller Berliner, in der vierten Generation, war das
meine erste Reaktion auf das, was der Redakteur des Neuen Deutschland
mit Namen Tom Strohschneider in jener Zeitung zum ersten Sozialforum in
Deutschland so geschrieben hatte.
Nach längerem Nachdenken kam ich jedoch zu dem Schluß: Es ist sinnvoll,
dies genauer zu sichten. Ist etwas schief gelaufen? Oder ist es ein
Gesinnungsproblem? Fangen wir von vorn an. Die Organisatoren des ersten
Sozialforums in Deutschland, das vom 21. bis 24. Juli 2005 in Erfurt
stattgefunden hatte, vereinbarten vor geraumer Zeit eine
„Medienpartnerschaft“ für das Forum mit den Zeitungen junge Welt,
tageszeitung (taz) und Neues Deutschland. Alle drei produzierten dann
zum Wochenende am 9. und 10. Juli 2005 eine gemeinsame Beilage, die zum
Sozialforum die wichtigsten Informationen und Berichte enthielt. Dann
fand eine Ausdifferenzierung statt. Am authentischsten berichtete
während des gesamten Forums die junge Welt. Am 25. Juli veröffentlichte
sie auch als einzige im vollen Wortlaut die Erklärung der Versammlung
sozialer Bewegungen, die am 24. Juli in Erfurt stattgefunden hatte und
das konsensuale Ergebnis enthielt. Im Grunde – die junge Welt hatte
stets geltend gemacht, insbesondere auch die Positionen der sozialen
Bewegungen zu reflektieren – realisierte sie den Anspruch der
Begleitung am deutlichsten: „Wer links ist, liest die junge Welt“.
Die taz hatte sich beteiligt, räsonierte dann aber insbesondere in
Bezug auf den Zusammenhang von Linkspartei und sozialen Bewegungen. Da
die sozialen Bewegungen in Erfurt sich jedoch nicht auf ein Votum zu
Gunsten der Linkspartei verstehen konnten, was ihrem Grundverständnis
von Politik widersprochen hätte, blieb die taz in einem skeptischen
Boot, denunzierte jedoch nichts.
Und das ND? Bereits im Vorfeld des Sozialforums, als die
„Medienpartnerschaft“ noch galt, war das ND die einzige Zeitung aus
diesem Verbund, die zwar jeden Freitag etwas mitteilte, aber ständig
Probleme herausfilterte, die bei einem solchen Freiwilligen-, d.h.
nicht kommerziellen oder professionell durchgestalteten Projekt
unvermeidlich auftreten müssen: daß die Webseite Probleme hatte, daß
die Anmeldungen über die Webseite schwierig waren, daß es Probleme mit
der Stadt gab. Es war, als ob Strohschneider nur auf die Probleme
wartete, sie suchte und wollte und dann genüßlich ausbreitete.
Auf den ersten Blick kann man das noch auf jugendlichen Eifer oder die
Unfähigkeit, die sozialen Bewegungen zu verstehen, schieben oder auf
ein bürgerliches Berufsverständnis. Die gleichfalls jungen Journalisten
der bürgerlichen Zeitungen Thüringens jedoch berichteten mit mehr
Empathie als Strohschneider. Am 25. Juli veröffentlichte ND dann einen
Kommentar von Strohschneider, in dem er mitzuteilen wußte, das
Sozialforum in Erfurt sei „kein Erfolg“ gewesen. Das zu schreiben,
hatten sich nicht einmal die FAZ oder Die Welt gewagt. Das blieb dem ND
vorbehalten. Nun kann man natürlich fragen, wie ein Kommentar eines
Jungredakteurs in die Zeitung kommt, ohne daß ein Chef vom Dienst oder
ein Chefredakteur da draufgesehen hatte. Das aber ist eine andere
Frage. Es bleibt das Diktum von Strohschneider, das Sozialforum in
Erfurt sei nicht von Erfolg gekrönt.
Gibt es eine Begründung dafür? Strohschneider meint, vier Jahre nach
dem ersten Sozialforum von Porto Alegre frage man sich: „Wozu braucht
die Linke, wozu brauchen Bewegungen ein Sozialforum? Eine Ideenbörse,
in der allerlei Alternatives vorgetragen wird, aber der Versuch
ausbleibt, daraus kohärente politische Strategien und längerfristiges
gemeinsames Handeln zu entwickeln, ist in Zeiten des Internets
überflüssig.“ Das Sozialforum ist aber nicht einfach eine „Ideenbörse“,
sondern die Menschen unterschiedlicher politischer und sozialer
Verortung reden miteinander, präsentieren ihre Vorschläge für jene
„andere Welt“, die möglich werden soll, und vernetzen sich. Und
Vernetzung heißt gerade nicht, daß jeder vor seinem Computer hockt,
sondern man von Mensch zu Mensch, also menschlich miteinander spricht
und sich dabei in die Augen sehen kann.
Daß das Sozialforum nicht nötig sei, hatte mir in Erfurt schon ein
kiezbekannter Kreuzberger RRRevolutionär gesagt. Auf globaler oder
europäischer Ebene möge das ja sinnvoll sein, in Deutschland jedoch
bräuchten wir klare Absprachen über Aktionen. Eine solche Sichtweise
setzt voraus, der so Sprechende weiß, wo es denn hingeht, er hat das
Wissen um die Weltdinge in der Tasche, und mit den anderen muß nur über
Aktionen geredet werden. Das ist die Avantgarde-Sicht, die die
Sozialforumsbewegung nach dem großen Scheitern von 1989/91 ja gerade
ausgeschwitzt hat, die alles besser zu wissen meint und die anderen nur
als Objekte der Politik betrachtet. Die aber spüren dies und wenden
sich mit Grausen. Das wiederum ist die Grundursache für das linke
deutsche Sektenwesen. Und das Sozialforum in Erfurt war gerade ein
Schritt, dies zu überwinden
Auf den ersten Blick scheint aus Strohschneider die Kreuzberger
Kiez-Perspektive zu sprechen. So wie er seine Rabulistik dreht, wird es
aber Wasser auf die Mühlen derer, auf die dieses Land grundbuchlich
eingetragen ist und gegen deren Politik sich das Sozialforum gerade
richtete. Da sollte er vielleicht die Zeitung wechseln, etwa zum
Handelsblatt. Die sehen es gern, wenn die globalisierungskritische
Bewegung schlechtgeschrieben wird und bezahlen derlei Propaganda sicher
besser.
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