Aktuell
Sozialforum
von Daniel Stosiek (Email: danielstosiek@yahoo.com)
Erfurt. Es war das erste deutschlandweite Sozialforum, und es fand im
Osten statt. Wir näherten uns dem großen flachen Zelt auf dem zentralen
Platz dieser schönen alten Stadt, neben dem seit Jahrhunderten der Dom
hoch emporragt. Schon Bonifatius hatte hier im 8.Jahrhundert eine
Kirche erbauen lassen. Und bis heute steht der Bau (aus dem 12.
Jahrhundert) wie ein unerschütterlicher Felsen, welcher als
katholisches Bollwerk aber immer auch, widerwillig, sein rebellisches
Potential mitschleppt. Von dieser uralten Protest-Tradition
durchdrungen waren die meisten, die hier unten, am Fuße des Doms, auf
dem Boden der Realität gegen die Realität protestierten, um den Himmel
auf die Erde herunterzuholen. Dennoch gab es „hochfliegende“ Ideen und
Utopien, Vorstellungen einer völlig anderen Gesellschaft, einer
Demokratie, die auch die Wirtschaft umfaßt, einer Wirtschaft ohne Geld,
einer Gesellschaft ohne Krieg; kurz es gab Visionen, die an die
biblischen heranreichten. Die Mehrheit unter Teilnehmenden will indes
nichts mit der Kirche zu tun haben; die Leute kamen aus den
unterschiedlichsten sozialen Zusammenhängen, vereint durch die
Unzufriedenheit. Manche stammten aus der DDR-Vergangenheit, welcher sie
unzeitgemäß sogar noch einiges Gute abzugewinnen versuchten, viele aus
der DDR-Opposition. So fragte ich mich am ersten Abend bei ständigem
Niesel-Regen zu einem Zentrum der „Offenen Arbeit“ durch und fand das
Haus auch beim zweiten Anlauf, so daß ich pünktlich zu spät kam. Hier
wurde in gemütlicher Runde über die Arbeit dieses kirchlichen Ortes
erzählt, den es seit 1979 gibt, der schon zu DDR-Zeiten ein Ort der
Opposition war und zu den evangelischen kirchlichen Kreisen gehörte,
die – inspiriert vom alttestamentlichen „Schwerter zu Pflugscharen“ –
den „realen“ Sozialismus kritisierten und erheblich zur Wende 1989
beigetragen hatten. Er ist heute immer noch und wieder ein Ort der
Opposition und der gelebten Alternative, wenngleich es jetzt um den
noch viel realeren Kapitalismus geht. Auch innerhalb der Kirche ist
dieses Zentrum ungewöhnlich: hier steht nicht der Gemeindegottesdienst
im Zentrum, sondern soziale und auch politische Aktivitäten; es ist ein
offener Raum, wo viele Jugendliche hinkommen und Projekte durchführen
und wo Alte wie Junge gemeinsam feiern. Moral und Werte brauchen den
Leuten nicht eingetrichtert zu werden, sondern sie entstehen durch das
Zusammenleben wie von allein, dadurch daß die jeweils Stärkeren in der
Praxis lernen, daß es Schwächere gibt, die genauso einen Platz
brauchen. Und es gibt bei ihnen keine stellvertretende Demokratie,
sondern Basisdemokratie, d.h. es wird diskutiert und im Konsens
entschieden. Ob man dieses Gemeindeleben als Demokratie oder
Sozialismus oder Kirche bezeichnen will; es ist in jedem Fall realer,
als es der Sozialismus in der DDR war, als es die Demokratie im
Kapitalismus ist und als es die Kirche unter bürokratische Verwaltung
sein kann.
Am nächsten Tag suchte ich mich durch ein Labyrinth von Räumen und
Gängen zur Autorenlesung mit Daniela Dahn, die zudem in einem anderen
Raum stattfand als angekündigt war. So fanden nicht viele den Weg, die
Autorin selber kam jedoch zum Glück fast rechtzeitig an, und wir waren
ein kleiner Kreis und saßen auf Sofas eines studentischen
selbstverwalteten Cafés. DD, eine nette, sehr aufmerksame, offene und
gesprächsuchende, irgendwie typische Ostfrau (in Ermangelung eines
besseren Ausdrucks für dieses unarrogante, überhaupt nicht
aufdringliche, aber trotzdem sehr selbstbewußte Wesen), las ein Stück
aus dem Demokratischen Abbruch, ihrem neuesten Buch, und danach wurde
viel diskutiert und noch mehr ausgetauscht an Erfahrungen und Gefühlen.
Z.B. ein 80-jähriger mit spitzbübischem Gesicht erzählte, daß er zuerst
Nazi gewesen und dann im Laufe seines Lebens immer linker geworden sei,
während das bei vielen Menschen ja umgekehrt verlaufe. Ein 75-jähriger
erwähnte, daß er vor 10 Jahren aus der SPD austrat, auch er war danach
noch linker und möglicherweise noch unternehmungslustiger geworden; und
danach fing ich an (wir sollte uns kurz vorstellen), daß ich zwar noch
nicht so alt sei wie mein Vorredner (was dieser mir keineswegs
übelnahm), aber doch schon so alt, daß ich die DDR noch bei vollem
Bewußtsein kennengelernt habe. Es waren junge Leute zugegen, die den
Alten zuhörten, und umgekehrt. Manche schienen von DD die Antwort
schlechthin auf die Fragen unserer Zeit hören zu wollen; wir
diskutierten etwas über den Unterschied zwischen der Idee einer neuen
linken Partei und der dezentralen vielfältigen Sozialforum-Bewegung;
sie schlug ein kritisches Weltfernsehprogramm vor nach dem Motto, nur
wer das Unmögliche fordert, könne das Mögliche erreichen, als eine
Antwort zu der großen Frage nach der Alternative einer
menschengemäßeren Welt, aber eher wie im Talmud, wo nach den Antworten
immer noch die eigentliche Frage offen bleibt. Auf die Frage nach
Motiven erwähnte sie, daß ihr ohne zu schreiben und sich einzumischen
die Welt noch unerträglicher wäre, als es sie schon ist. Aber auch: man
bräuchte nicht nur zu klagen, sondern könne sich auch organisieren; man
sollte nicht nur die Medien kritisieren, sondern es gibt ja gute
Zeitungen und nicht nur die Bildzeitung, die immer noch am meisten
gekauft wird. Als im DDR-Sozialismus und gleichzeitig im Widerspruch zu
ihm aufgewachsene Autorin fängt sie in ihrem neuen Buch sogar an, die
Bibel auszulegen, ungehorsam, ungläubig und prophetisch. Apropos
Sozialismus; ein älterer aus der DDR stammender Mann sagte im
Nebensatz, er habe den Sozialismus nie kennengelernt.
Es bleibt also die Utopie, die unbeantwortete Frage und die Anstrengung, ohne welche auch die Lust an der Hoffnung verkümmert.
Später hielt ich selber einen Vortrag über die Geschichte der
Ungleichheit von den Anfängen der Menschheit bis zur Globalisierung und
über Alternativen der indigenen Bevölkerung in Lateinamerika. Heike
Kammer, die schon viele Jahre in Lateinamerika für den Frieden arbeitet
und trotzdem in Deutschland arbeitslos ist, konnte detailliert über die
Indigenen in Chiapas Auskunft geben. In der Diskussion ging es darum,
wie wir auch weltweit voneinander lernen können, und um Alternativen,
die von unten wachsen, anstatt durch eine Einheitspartei von oben
vorgegeben zu werden. So entsteht eine neue Internationale!
Es gab beim Erfurter Sozialforum einen sogenannten „offenen Raum“, wo
manche übernachteten und wo man gegen eine kleine Spende essen konnte.
Er war von linken alternativen Leuten organisiert und im Geiste eines
„Sozialforums von unten“ entstanden, also aus der Sensibilität heraus,
daß in der Bewegung der Welt-, Kontinental- und landesweiten
Sozialforen die ursprünglichen menschlichen und sozialen Bewegungen im
Prozeß der Organisierung sich zu leicht wieder den etablierten
Herrschaftsstrukturen wie dem Staat annähern und elitär werden. Diese
Gefahr existiert offenbar selbst dann, wenn keine Partei gegründet
wird. So gab es auch beim letzten recht teuren europaweiten Sozialforum
in London eigens ein „Sozialforum von unten“, einen Raum, der für alle
offen sein wollte, auch für diejenigen, die kein Geld haben. Kaum
jemand in dem „offenen Raum“ in Erfurt ahnte wohl, daß 50 Meter neben
dem Gebäude die Predigerkirche steht, wo Meister Eckhart vor 800 Jahren
gepredigt hatte, ganz anders und doch aus dem Geiste der offiziellen
Kirche heraus, und von dieser angegriffen wurde und einen
Inquisitionsprozeß an den Hals bekam. Meister Eckhart bedeutet bis
heute einen offenen Raum innerhalb der Kirche, welche ja ihrerseits
schon ein offener Raum innerhalb der Welt sein möchte.
Nur wenige Schritte vom Zentrum des Sozialforums entfernt, und ich
stand in einer Leih-Ausstellung aus Washington mit expressionistischer
und moderner Kunst, wobei ein Großteil der Werke von Künstlern stammt,
die zu Anfang des Faschismus nach Amerika geflohen waren. Dort sah ich,
und dort prallten mir entgegen: wüste riesige farbige Flächen der
Phantasie und der Hoffnungen ohne Konturen, fließende gestaltlose
Farben der Sehnsucht ohne Konkretheit, und auf der anderen Seite der
zur Technik reduzierte Mensch, die auf kaltes Eisen heruntergekommene
Schönheit, grausig hochgezüchtete menschliche Körper mit
überdimensionalen Muskelballen und kleinem Kopf, weite menschenleere
Landschaften in unendlicher Einsamkeit. Reflexionen einer gestörten
Welt. Das schönste war für mich noch in einem Bild von Miró der große
leere Raum zwischen den dünnen spitzen Figuren. Aus diesem offenen Raum
könnte noch etwas Neues entstehen. Es ist ein Raum der Hoffnung.
« zurück zur Übersicht